Gleimhaus Halberstadt
Frauen in der literarischen Öffentlichkeit

Der Halberstädter Dichter und Domsekretär Johann Wilhelm Ludwig Gleim (1719-1803) hieß in seinem Wohnhaus zahlreiche Freunde und Freundinnen willkommen und trug hier eine der bedeutendsten Sammlungen zur Literatur und zur Geselligkeitskultur seiner Zeit zusammen. Gleims „Freundschaftstempel“, die umfangreichste Porträtgemäldesammlung von Dichtern und bedeutenden Zeitgenossen des Aufklärungszeitalters, enthält auch zahlreiche Bildnisse von literarisch tätigen Frauen wie etwa Sophie von La Roche, Elisa von der Recke, Ernestine Voß oder Anna Amalia von Sachsen-Weimar und Eisenach.
Besonders ausgeprägt sind die Spuren, die Anna Louisa Karsch, geb. Dürbach, gesch. Hiersekorn (1722-1791) hier hinterlassen hat. Sie gilt als erste freie Autorin in Deutschland. Durch Glück und Geschick löste sie sich von ihrer ärmlichen Herkunft und wurde zu Beginn der 60er Jahre des 18. Jahrhunderts in Berlin eine berühmte Dichterin. Heute zählt sie außerdem zu den bedeutenden Briefschreiberinnen der deutschen Literaturgeschichte. Mit Gleim verband sie zunächst eine unerwiderte Liebe, aus der schließlich eine langjährige Freundschaft erwuchs. Große Teile ihres poetischen und brieflichen Nachlasses (weit über 1 500 Autographen) gingen in Gleims Sammlungen ein. Der Halberstädter Domdechant Freiherr Spiegel zum D(i)esenberg (1711-1785) ließ 1784 in den Spiegelsbergen ein Denkmal der Dichterin, gefertigt von J. C. Stubinitzky, aufstellen: das erste deutsche Dichterstandbild überhaupt. Dieses Denkmal befindet sich heute im Gleimhaus.

Gemälde, Grafiken, Handschriften und Bücher wie auch das Denkmal der Anna Louisa Karsch dokumentieren die literarische, durch den Freundschaftskult geprägte Öffentlichkeit des 18. Jahrhunderts, an der auch Frauen regen, jedoch nicht uneingeschränkten Anteil hatten.

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