Jenaisches Freiweltliches Adeliges Fräuleinstift, Rathausstraße, Halle

 

 

Im Jahre 1703 begründete Gottfried von Jena (1624-1703), Geheimer Rat und Kanzler des Herzogtums Magdeburg, in seinem Wohnhaus ein immerwährendes Stift für neun adlige Jungfrauen und eine Äbtissin reformierter Konfession. Die Verfassung des unter königlichem Privileg stehenden Stiftes regelte detailliert die Rechte und Pflichten der unverheirateten Damen. Zu jenen vom preußischen König dem Stift verliehenen wertvollen Freiheiten gehörten das Führen eines besonderen Wappens und seit 1707 die Vergabe eines Schutz- und Gnadenzeichens. Das Leben im Stift unterlag strengen Regeln. Wenn die adligen Damen nicht gemeinsame Andachten hielten, die Gottesdienste im Dom besuchten oder sich wohltätigen Projekten widmeten, zogen sie sich in den idyllischen Garten, aber auch in den „Roten Salon“ des Fräuleinstiftes (heute Rathausstraße 16) zurück. Dort nähten, stickten, lasen und zeichneten sie. Würfeln sowie Karten- und Brettspiele waren ihnen jedoch strengstens verboten. Natürlich konnten die Stiftsdamen Kontakte pflegen und Besucher empfangen. So zählte Johanna Elisabeth von Holstein – Gottorp (1712-1760), die Mutter der Sophie Auguste Friederike von Zerbst (ab 1772 Katharina II, Zarin von Russland), ebenso zu den Gästen des Stiftes wie Adlige aus der näheren Umgebung Halles. Gelegentliche Aufenthalte bei Hofe oder bei Verwandten verbanden die Stiftsdamen mit Theater- oder Konzertbesuchen. Bis zur Übernahme der Leitung des Jenastiftes in Halle 1709 gehörte Anna Franziska von Bernatre (1667-1748) zu den bevorzugten Hofdamen der Königin in Preußen Sophie Charlotte von Brandenburg (1668-1705). Die Äbtissinnen Eleonora Sophia von Börstel (1656-1708), die 1754 verstorbene Sophia Eleonora von Bär und vor allem Auguste von Jena, die das Stift bis 1914 leitete, sicherten trotz schwerer finanzieller Krisen den Fortbestand des einzigen reformierten Stiftes in Preußen. Dem Gründungsstatut entsprechend unterstützten die Stiftsdamen notleidende Stadtbürger unter anderem mit einer alljährlich am 14. Mai zu Ehren des Stifters stattfindenden „Armenspeisung“. Sie pflegten in Kriegzeiten auch Verwundete. Die letzte Stiftsdame verstarb im Jahr 1972. Vier Jahre später erwarb die Stadt Halle das alte Stiftshaus. Die Gräber der Äbtissinnen im Dom zu Halle bezeugen noch heute die glanzvolle Geschichte des Freiweltlichen Damenstiftes. 

   Zurück