Monika Lücke

Jutta von Sangerhausen

Leider ist nur sehr wenig über das Leben der Jutta von Sangerhausen im 13. Jahrhundert bekannt – eine Zeit vielfältiger sozialer Spannungen und religiöser Aufbrüche. Viele Legenden entstanden nach ihrem Tod und schmücken bis heute ihre Biografie. Unstrittig ist, dass sie in Sangerhausen lebte, vielleicht in der Nähe der Ulrichkirche, unbekannt ist ihr Geburtsdatum. Jedoch wird angenommen, dass Jutta um 1220 geboren wurde. Sie heiratete standesgemäß einen Herrn von Sangerhausen, der wahrscheinlich am Kreuzzug oder auch einer Pilgerfahrt teilnahm und dabei den Tod fand. Als Witwe widmete sich Jutta der Krankenpflege, vor allem von Aussätzigen, wahrscheinlich nach dem Vorbild der zu dieser Zeit sehr populären Elisabeth von Thüringen (1207-1231), die bereits 1235 von Papst Gregor IX. Heilig gesprochen wurde. Andererseits traf Jutta auch mit Mechthild von Magdeburg (um 1210-1282/97) zusammen, die sie in ihren Schriften “swester Jutte von Sangerhusen” nannte. Das heißt, dass es hier auch Beziehungen zu den Magdeburger Beginen gab. Jutta von Sangerhausen war auf der Suche nach einem Leben in der Nachfolge Christi in evangelischer Armut, jedoch ohne die Konsequenz eines Ordenseintrittes. Und darin glich sie Franziskus von Assisi, der persönlich nie in einer Ordensgemeinschaft leben wollte. Vielfältige Möglichkeiten boten sich für Jutta: Zisterzienserinnen, Klarissen (weiblicher Zweig der Franziskaner) oder eine Beginengemeinschaft.

Einer ihrer Verwandten, Arno von Sangerhausen (gest. 1273) übernahm die Aufgabe, sich um sie zu kümmern. Er gehörte dem Deutschen Orden an und bereits zwischen 1254 und 1256 Landmeister in Livland. Auf dem Ordenskapitel in Frankfurt am Main 1256 wurde er zum Hochmeister des Deutschen Ordens gewählt. Er übernahm in einer sehr schwierigen Zeit, geprägt von militärischen Auseinandersetzungen, die Amtsgeschäfte. Im Jahr 1255 erfolgte mit der Eroberung des Samlandes der Abschluss der Besetzung des Küstengebietes und bis 1283 war die Eroberung Preußens abgeschlossen. Im Jahr 1260 begann ein 14 Jahre währender Aufstand der Pruzzen. Es dürfte kein Zufall sein, wenn Jutta sich seit 1256 im Deutschordensgebiet in Preußen in Kulmsee (Chemlza) nahe des heutigen Bielczyny aufhielt. Dort lebte sie als Einsiedlerin und beschäftigte sich wieder mit der Krankenpflege.

Ihre Beichtväter, Bischof Heidenreich von Kulm (gest. 1263), ein Dominikaner, und der Franziskaner Johannes von Lobedau (gest. 1264), standen ihr in den letzten Lebensjahren als geistliche Ratgeber zur Seite. Sie bestätigten unmittelbar nach dem Tod Juttas 1260 in einem Testimonium ihren untadligen Lebenswandel, aber leider ist dies nicht überliefert. Geschichtsschreiber des 16. /17. Jahrhunderts konnten diese Schrift noch nutzen. Auch die Unterlagen, die der Bischof von Kulm um 1275 zu ihrer Heiligsprechung im Bistum zusammenstellen ließ und dann an den Vatikan gesandt wurden, sind nicht überliefert. Im 17. Jahrhundert, als Bischof Johannes Lipski von Kulm und Pomesanien die Verehrung Juttas neu belebte (15. April 1637), setzte eine neue Beschäftigung mit ihrer Person ein. Zu dieser Zeit wurde ihre Verehrung im Bistum Kulm von zahlreichen Legenden begleitet.

Ihre letzte Ruhestätte fand sie im Dom von Kulmsee (Chelmza), wo sich heute noch eine Jutta-Kapelle befindet. Ihre um 1275 von dort aus betriebene Heiligsprechung scheiterte in Rom an ungünstigen Umständen. Das Jahr der Seligsprechung durch den Bischof von Kulm (Chelmno) lag sicher am Ende des 13. Jahrhunderts. Ungebrochen bis heute ist die Verehrung in ihrem Wirkungskreis, Kulmsee entwickelt sich zu einem Wallfahrtsort; bereits Bischof Lipski sprach in seinem Dekret zur Erneuerung des Jutta-Kultes von mehreren Kirchen mit Jutta-Altären. Ihr Fest wird am 5. Mai gefeiert.

In Sangerhausen war Jutta weitgehend in Vergessenheit geraten, erst Kändler widmete ihr 1740 eine kleine Schrift. In der Herz-Jesu-Kirche in Sangerhausen wurde 1980 ein Jutta-Winkel gestaltet, 1981 kam aus Erfurt die Jutta-Figur der Künstlerin Hildegard Hendrich.

Jutta von Sangerhausen ist zu sehen im Zusammenhang mit den im 13. Jahrhundert verstärkt auftretenden religiösen Frauenbewegungen, in der die Frauen auf der Suche nach einem sinnvollen Leben dem christlichen Armutsideal und der Nächstenliebe folgten. Dies konnte innerhalb der Orden wie Zisterzienserinnen, der Prämonstratenserinnen, innerhalb der neu entstandenen Bettelorden oder auch in Beginengemeinschaften erfolgen, konnte aber ebenso in Ketzerbewegungen des 13. Jahrhunderts münden. Dass sich die Wege von Frauen in dieser Zeit sehr individuell gestalten, zeigt das Beispiel Jutta von Sangerhausens.

Angeregt durch die Fraueninitiative Sangerhausen setzten im Jahr 2000 in der Rosenstadt verstärkt Aktivitäten der Beschäftigung mit dem Leben und Wirken Juttas von Sangerhausen in ihrer Zeit ein. Sie mündeten unter anderem auch in der Bildung einer breiten Initiativgruppe. Sie konnte mit einer Zahl von Veranstaltungen die öffentliche Aufmerksamkeit für Jutta von Sangerhausen wecken. Am 27. Juni 2003 erhielt der Platz vor St. Ulrici ihren Namen und ist als Frauenort ein Teil des landesweiten Projektes. Die Erinnerung an diese Frau ist auch durch eine Rose gleichen Namens präsent. Im Oktober 2002 erschien die Übersetzung einer Schrift über Jutta von Sangerhausen von Christian Gottlieb Kändler (1740). Eine umfassende Quellenedition über Jutta von Sangerhausen ist in Vorbereitung. Ein Kolloquium am 10. Mai 2003 im “Alten Schloss” (Kreismusikschule Sangerhausen) beschäftigte sich mit dem Leben und Wirken dieser bemerkenswerten Frau und der Zeit, in der sie lebte. Veranstaltungsreihen mit Musik und Texten aus dem 13. Jahrhundert versuchen das Verständnis für die Zeit zu fördern, in der Jutta von Sangerhausen lebte.
(FrauenOrte – Porträts, 2003)


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